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Workcamp 2008
Ein Bericht von Sonja Zitzelsberger
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Einmal eine ganz andere Kultur kennen lernen, mit anderen Denkweisen und Mentalitäten konfrontiert werden, ein Land erleben, das sich erst wirtschaftlich entwickelt und noch nicht auf europäischen Standard ist - So in etwa lauteten meine Gründe, eine Reise nach Indien zu unternehmen. Aber in so einem fremden Land eine Individualreise zu machen - das war mir dann doch zu abenteuerlich. Außerdem wollte ich ja mit Leuten in Kontakt kommen, um ihre Lebensweise wirklich kennenzulernen. Da kam mir das Angebot der Deutsch-Indischen Zusammenarbeit gerade recht: 4 Wochen Indien, aufgeteilt in 2 Wochen Workcamp und 2 Wochen Studienreise. Etwa einen Monat vor Abreise gab es ein Vortreffen, bei dem die wichtigsten Fragen geklärt werden konnten und ich schon mal einen Blick auf die anderen Teilnehmer werfen konnte. Und dann ging es auch schon los...
Angekommen in Indien wurden wir sogleich von Temperaturen um die 30 Grad empfangen. Die Jacke, die man sich im A/C gekühlten Flugzeug angezogen hat, war hier natürlich fehl am Platz. Die Mitarbeiter des Ecumenical Sangam bereiteten uns einen herzlichen Empfang, bei dem wir eine Blumenkette umgehängt bekamen und uns ein Punkt auf die Stirn gemalt wurde.
Obwohl ich viel über Indien gelesen und gehört hatte, ist es trotzdem etwas ganz anderes es "live" zu erleben. Ich habe zum Beispiel viel über das Chaos auf den indischen Straßen gehört. Aber dann selber in der Rikscha zu sitzen, während sich der Fahrer an zwei Autos vorbei drängelt, zwischen denen eigentlich kein Platz mehr ist um dann knapp der nächsten Kuh auszuweichen, die gerade ein Päuschen in der Mitte der Straße macht, ist eine Erfahrung für sich. Nicht selten sieht man ganze Familien (Eltern mit 2 Kindern) auf einem Mofa fahren- Zweiräder sind das Transportmittel in Indien. Dazu kommt das ständige Gehupe von allen Seiten. Doch überwältigt wie ich zuerst von dem Chaos auf der Straße war, gewöhnt ich mich doch sehr schnell daran. Während der ersten zwei Wochen hatten wir viele Möglichkeiten, mit den Mitarbeitern des Sangam und vor allem auch den "Technical Boys" (Teilnehmer des Technischen Kurses, die z. T. auch auf dem Basisgelände wohnen) Kontakte zu knüpfen.
An den Nachmittagen hatten wir die Gelegenheit mit in die Dörfer zu fahren. Auch dort wurden wir immer sehr herzlich empfangen. Obwohl die Menschen dort sehr einfach leben, organisierten sie für uns Sitzgelegenheiten und wir bekamen Tee angeboten. In einige Häuser durften wir auch einen Blick hinein werfen: Meist dient ein Raum als Schlaf-, Wohn- und Esszimmer für die ganze Familie, in dem zweiten Raum befindet sich die Küche. Überrascht stellten wir fest, dass die Moderne auch in den Dörfern Indiens angekommen ist: Ein Fernseher mit Satelitenschüssel ist fast in jedem Haus vorhanden. Außerdem besitzen die meisten Inder die neuesten Handys. Festnetzanschlüsse gibt es höchstens in der Stadt.
Vor allem fiel uns die Gastfreundlichkeit der Inder auf. Ob im Dorf oder beim Einkaufen- stets wurde uns ein Sitzplatz und Chai angeboten. Sogar einer unserer Reiseführer auf der Rundreise lud uns zu sich nach Hause ein.
Natürlich steckt so eine Reise auch voller Herausforderungen: Das ungewohnte Essen (Inder essen gerne zu jeder Mahlzeit Reis und Daal), das ungewohnte Klima, der Verzicht auf den selbstverständlichen "Luxus" der westlichen Welt (es gibt z.B. kaum Duschen, zum Waschen benützt man einen Eimer mit Wasser und einen Becher), die Schwierigkeiten bei der Verständigung...
Aber gleichzeitig bringt dies auch die Möglichkeit mit sich, einmal den Blickwinkel zu wechseln und so das Land und seine Bewohner besser verstehen zu lernen. So wandelt sich das Unverständnis über einen Brückenbau, der sich schon mehrere Jahre hinzieht, in Verständnis wenn man selber einmal körperliche Arbeit in der Sommerhitze getan und/ oder einen Monsumregen miterlebt hat.
Auf der anschließenden Rundreise hatten wir viele Gelegenheiten um die Schönheit des Landes zu sehen und über die Geschichte und Religion Indiens zu lernen. Viele der Sehenswürdigkeiten die wir besichtigten sind bei westlichen Touristen nahezu unbekannt, obwohl sie zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Daher waren wir auch meist die einzigen Weißen in der Umgebung und sorgten für den entsprechenden Aufruhr. Immer wieder wurden wir um Fotos gebeten. So schauten nicht nur wir Indien an, sondern Indien schaute auch uns an...
Bei allem Sight-Seeing hatte wir trotzdem noch genügend Zeit um die Gegend auf eigene Faust zu entdecken, was sich jedoch meist auf den nächsten Markt oder das nächste Kaufhaus konzentrierte. Auch das Einkaufen in Indien ist eine Herausforderung für sich. Denn wer nicht feilscht, zahlt von vornherein zu viel. Gerne erzählen einem die Verkäufer das blaue vom Himmel herunter, um ihre Ware loszuwerden. Wie schwach Indiens Wirtschaft noch ist, trotz des enormen Wachstums im Moment, wird einen bewusst, wenn man für 5 Bananen und 500g Äpfel 30 Rupees zahlt (50 Cent) oder für einen Kaffee und eine warme Schokotorte mit Schokosauce und Eis im Café Coffee Day (übrigens sehr zu empfehlen) 120 Rupees (2 Euro). Doch viele Inder können sich das noch nicht einmal leisten, ganz abgesehen von Reisen in andere Länder, bei denen sie für Flüge Weltmarktpreise zahlen müssen.
Indien - ein Land voller Gegensätze: Es hat wunderschöne Flecken (jeder von uns wird sich wohl immer an die grünen Täler und Plateaus um Mandu erinnern), doch ein Blick an den Rand des nächsten Gewässers konfrontiert mit einem der schlimmsten Probleme Indiens- der Umweltverschmutzung. Abfall wird einfach dorthin geworfen wo man steht, egal ob das jetzt Papier, Plastik oder der Farbeimer ist. Ein ökologisches Bewusstsein nach unseren westlichen Maßstäben existiert praktisch nicht. Die "Eternity Mall", der neuste Shopping-Komplex in Nagpur, der locker mit westlichen Kaufhäusern mithalten kann, grenzt direkt an die überfüllten Straße von Sadar mit seinen kleinen Straßenläden und heruntergekommenen Häusern.
Auch die indischen Medien stehen teilweise im Gegensatz zu dem Indien, welches wir auf der Straße erlebten. In Talkshows, Werbung und Filmen sieht man Frauen in kurzen Röcken und engen Tops, die indische Cosmopolitan besteht hauptsächlich aus Artikeln über "wer mit wem" und vor allem "wie". Auf der Straße jedoch halten sich die Frauen meist bedeckt, Hosen und Röcke gehen oftmals bis zum Knöchel. Doch auch von diesen Regeln gibt es natürlich viele Ausnahmen, die sich vor allem in Städten, besonders in den großen wie Bombay, finden. Indien ist nicht zu generalisieren! Bei so vielen Eindrücken und Erlebnissen war es gut, in einer Gruppe unterwegs zu sein, mit der man sich immer wieder austauschen konnte.
Mit jeden Tag wurden unsere Koffer und die Speicherkarte der Kamera voller. Am Ende der 4 Wochen war alles Geld ausgegeben und kein Platz mehr für Fotos oder weitere Einkäufe - da merkten wir das es Zeit wurde für unsere Heimreise. Auch wenn wir uns auf die Familie, die Freunde, das Essen und das geregelte Leben in Deutschland freuten, so fiel uns doch der Abschied von Indien nicht ganz leicht und wir stimmten darin überein, dass dies sicherlich nicht die einzige Reise nach Indien bleiben wird.
Wer Interesse an unserem Workcamp-Angebot hat, möge sich bitte unter workcamp@diz-ev.de oder 069 - 4300 1018 (in der Regel zwischen 9 und 15 Uhr) an uns wenden.
Workcamp Übersicht
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